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29.05.2015 11:48 Alter: 4 yrs
Kategorie: Aktuelles
Von: Christian Peter

PS: Bin ich ein schlechter Mensch?

Zur Kommunikations- und Sanktionierungsrhetorik Blatters. Annäherung eines Fußball-Fans und PR-Praktikers an das Phänomen Fifa.


And the winner is...: Sepp Blatter, die Fifa oder vielleicht doch der Fußball...? (Bildquelle: David Zydd, Pixabay)

Die Fifa und ihre Skandale: eine Geschichte voller Missverständnisse? Scheinbar! Denn es ist eine „schwierige Zeit für den Fußball“, meint ihr Präsident, Joseph Blatter (zitiert nach Spiegel Online-krä/sid/dpa, 2015), also nicht speziell für ihn oder für seine Mannschaft, sondern allgemein für alle Fußball-Fans dieser Welt. Auch wenn ein Spieler nach dem anderen aus seinem Kader ausscheidet, folglich das Spielfeld verlassen muss, wegen grober Fouls, geahndet mit roten Karten. Aber nicht er: der Mannschaftsführer, der bleibt. Denn Blatter hat doch niemanden gefoult. „Warum soll Blatter zurücktreten? [...] (FIFA-Medienchef, Walter de Gregorio, zitiert nach Sierpinski, 2015). Eben. Warum sollte der Führende der Fifa für die erheblichen Missstände in seinem direkten Umfeld die Verantwortung übernehmen, wie es eigentlich in Wirtschaftsunternehmen oder politischen Kreisen üblich ist (vgl. Weinreich, 2015).

Es gibt nichts zu kritisieren

Der Kapitän braucht keine „moralische Krise“ zu beenden, wie in den letzten Tagen vielfach in Medien gefordert (vgl. Lütticke, 29.05.2015). Das erledigte Blatter schon vor genau 13 Jahren - übrigens auch nach zahlreichen fragwürdigen Vorkommnissen im Vorfeld seiner damaligen Wiederwahl am 29. Mai 2002 in Seoul (vgl. Kistner, 2012, S. 17ff.). Blatter fragte dort im Rahmen der Wahl-Konferenz die Delegierten:

„Bin ich ein schlechter Mensch? [Und schlussfolgert:] Ihr könnt ja nicht so schlecht sein, dass ihr einen schlechten Präsident wählt! Daher sind wir alle gut. Fasst euch an die Hände. Wir sind alle gut! Fasst euch alle an die Hände. Für die Einigkeit des Fußball. Für den Fußball!“ (Sepp Blatter, 2002, zitiert nach Kistner, 2012, S. 23; eigene Einfügung)

Blatter möchte von seinem Publikum also wissen, ob er ein schlechter Mensch sei, im Sinne von böse, schändlich, verderbt, unehrenhaft oder niederträchtig. Möchte der Fifa-Präsident womöglich durch die Einführung moralischer Kategorien wie „Gut“ und „Böse“ eine Charakterdebatte entfachen, sich selbst infrage stellen? Wohl kaum. Wer sollte daran interessiert sein? Seine Mitspieler? Die Geldgeber? Er selbst? Mitnichten. Obwohl er selbst seine Argumente auf eine moralische Ebene hievt, hat Moral bei dieser Fragestellung überhaupt nichts zu suchen.

Die Hände in Unschuld waschen

Die Einführung moralischer Kriterien ist aus Sicht eines PR-Praktikers lediglich als Baustein einer ausgeklügelten PR-Strategie anzusehen, die eben darauf abzielt, durch Hinlenkung auf ein Thema von genau selbigem abzulenken. Hier geht es nicht um die Klärung von Schuld oder gar Sühne. Hier geht es um Sanktion, im Sinne von Heiligung oder Billigung von Verhalten, ohne Wenn und Aber. Gerade dadurch, indem er moralische Kategorien ins Spiel bringt, werden sie des Feldes verwiesen. Das klingt zwar wie ein Paradoxon, aber nur auf den ersten Blick. Blatter selbst löst es auf: Denn er unterstellt, dass die Anwesenden „ja nicht so schlecht sein“ können, „einen schlechten Präsidenten“ zu wählen. Will heißen: Die Delegierten können nicht so töricht sein, unüberlegt zu handeln und einen ungeeigneten Präsidenten wählen, der möglicherweise die Mehrung persönlicher Macht und Besitzstände eingrenzt. „Das System der Gefälligkeiten sichert Blatters Macht. Gerade die kleinen Nationalverbände aus Asien, Afrika und Südamerika haben kein Interesse daran, dass sich etwas ändert und der europäische Fußball mehr Einfluss erhält.“ (Teevs, 2015)

Seit seiner Führungsübernahme im Jahr 1998 mauserte sich die Fifa von einer klammen Organisation zu einem Milliardenbetrieb. Und prinzipiell profitieren viele von dieser Geldmaschine. Warum also etwas ändern? Man schneidet sich doch nicht ins eigene Fleisch (vgl. Weinreich, 2015). „Never change a winning team.“

Es kann nicht sein, was nicht sein darf

„Daher sind wir alle gut.“ Oder mit anderen Worten: Wir sind alle clever. Weil die Akteure alles so belassen wie es ist, bis auf den heutigen Tag. Und das ist aus Sicht möglicher Protegés auch sicherlich gut so. Daher verwundert es nicht, dass damals alle entzückt applaudiert haben sollten. Und vielleicht ist man heute noch im Dunstkreis Blatters von seiner Doktrin berauscht. Sie gilt als bewiesen, ohne sie – wie es Politiker oder Wirtschaftsvertreter normalerweise tun – mit empirisch überprüfbaren Fakten zu unterfüttern. Blatter braucht das nicht. Er nennt keine Zahlen. Er wiederholt lediglich in einfachen Worten seine Beschwörungsformel. Und jeder der Anwesenden versteht seine Botschaft. Und weil sie alle die Predigt des Leitwolfs verinnerlichen, und damit „gut“ sind, können sie auch nur Gutes, und damit eben im Umkehrsinn nichts Schlechtes tun.

Genau an dieser Stelle wechselt Blatter die Moral wieder ein, die er selbst vorher aus dem Spiel genommen hat, und benutzt sie nun als Vorlage weiterer Ablenkungs-und Sanktionierungsversuche. Mögliches Fehlverhalten wird nicht kritisch beleuchtet. Im Gegenteil: Der Trainer sanktioniert im Grunde sein häufig in Medien kritisiertes Verhalten und das engster Fifa-Angehörigen (vgl. Spiegel-Online-psk/dpa, 2015) . „Fasst euch an die Hände. Wir sind alle gut! Fasst euch alle an die Hände. Für die Einigkeit des Fußball. Für den Fußball!“

Der Zweck heiligt die Mittel

Durch das „Wir“ signalisiert Blatter, dass sie alle im gleichen Boot, oder genauer gesagt, im gleichen Glashaus sitzen. Es braucht also niemand mit Steinen auf jemand anderen zu werfen. Er würde damit nur sich selber schaden. Gleichzeitig entlastet Blatter, der sich an dieser Stellen fast schon wie ein Sektenführer anhört, das Gewissen seiner Anhänger, indem er darauf verweist, dass sie nur „Gutes tun“. Wenn es also um die Rettung des Fußballs geht, dann können die in Medien vielfach geschilderten Verfehlungen nicht ins Gewicht fallen. Denn der Zweck heiligt doch die Mittel. Seine Aufforderung, sich für den Fußball an die Hände zu fassen, klingen wie die Phrasen eines Hohepriesters, der seine Jünger zu Heilsbringern erheben will und dem Fußball die „Macht des Guten in einer ansonsten problembefrachteten Welt“ und der Fifa „die Rolle des guten Samariters […]“ zu verleihen versucht (Sydney Morning Herald, zitiert nach gux, 2015).

 

Quellen:

gux (2015): Das Reich von Blatter zerbricht. In: www.msn.com/de-de/sport/fussball/%C2%ABdas-reich-von-sepp-blatter-zerbricht%C2%BB/ar-BBkjvAo (Stand: 28.05.2015)

Kistner, Thomas (2012): Fifa-Mafia. Die schmutzigen Geschäfte mit dem Weltfußball. Droemer Verlag.

Lütticke, Florian (2015): Blatter fürchtet neue Enthüllungen. Dennoch eröffnent der umstrittene Präsident des Fußball-Weltverbandes des Wahl-Kongress mit Jodelmusik und will sich am Freitag im Amt bestätigen lassen. In: Westdeutsche Allgemeine Zeitung, Ressort: Tagesthema, 29.05.2015.

Spiegel-Online-psk/dpa (2015): Fifa und Korruption: Die größten Skandal der Fußball-Funktionäre. In: www.spiegel.de/sport/fussball/fifa-skandale-unter-der-fuehrung-von-praesident-joseph-blatter-a-1035720.html (Stand: 27.05.2015)

Spiegel-Online-krä/sid/dpa (2015): Fifa-Präsident Blatter. Augen zu und durch. In: www.spiegel.de/sport/fussball/joseph-blatter-kein-wort-zur-fifa-wahl-elf-funktionaere-gesperrt-a-1035887.html (Stand: 27.05.2015)

Sierpinski, Dagmar (2015): Fifa-Skandal ohne Ende. Was passiert jetzt, Herr Blatter? In: www.n-tv.de/sport/Was-passiert-jetzt-Herr-Blatter-article15180051.html (27. Mai 2015)

Teevs, Christian (2015): Fifa-Präsident in der Krise: Blatters Welt. In: www.spiegel.de/sport/fussball/sepp-blatter-in-der-fifa-krise-wie-die-wiederwahl-laeuft-a-1035672.html (Stand: 28.05.2015)

Weinreich, Jens (2015): Fifa-Chef Blatter vor Wiederwahl: Historische Chance vertan. In: www.spiegel.de/sport/fussball/fifa-kongress-uefa-verpasst-joseph-blatter-zu-schwaechen-a-1036098.html (Stand: 29.05.2015)


 

 


 
 

Dr. Christian M. Peter

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